Schweigers Kino-Kolumne erscheint wöchentlich im Traunsteiner Tagblatt
„Salt“
Stellen Sie sich vor, Sie sind ein ganz normaler, unauffälliger Bürger mit ordentlichem Beruf, Familie und Eigenheim. Eines Tages erhalten Sie einen Anruf: Eine Ihnen unbekannte Stimme rezitiert ein paar Zeilen aus einem Gedicht von Rilke. Daraufhin gehen Sie in den Keller, wo Sie in einem Versteck jede Menge Sprengstoff gebunkert haben, laden das Zeug in Ihren Wagen und fahren damit zum nächstgelegenen Atomkraftwerk, um als Selbstmordattentäter Ihrer eigentlichen Bestimmung zu folgen.
Denn Sie sind bzw. waren ein sogenannter „Schläfer“, eine menschliche Zeitbombe, die vor ihrem Einsatz einer Gehirnwäsche unterzogen wurde, um sich aufs Stichwort in eine seelenlose Killermaschine zu verwandeln. Wem dieses Szenario bekannt vorkommen sollte, nun, es stammt aus dem Thriller „Telefon“ von Don Siegel (1977), in dem Charles Bronson als KGB-Agent einen verrückt spielenden Kollegen daran hindern soll, getarnte Saboteure in den USA zu aktivieren.
Nicht gerade eine neue Story also, die Drehbuchautor Kurt Wimmer als Grundlage für seinen Agententhriller „Salt“ verwendet hat. Hier sind es nämlich vom KGB in den siebziger Jahren in Beschlag genommene Kinder, die nun, entsprechend ausgebildet und als waschechte Amerikaner präpariert, in den USA auf ihren Einsatz warten. Ihr Ziel: Den russischen Präsidenten bei seinem Amerikabesuch zu töten und so den Dritten Weltkrieg auszulösen. Doch ein Überläufer (Daniel Olbrychski) bringt den fiesen Plan ins Wanken, als er die CIA-Agentin Evelyn Salt (Angelina Jolie), die ihn eigentlich verhören soll, als Doppelagentin und potentielle Attentäterin hinstellt. Salt flüchtet daraufhin, verfolgt von ihrem Chef (Liev Schreiber) und einem Agenten der Spionageabwehr (Chiwetel Ejiofor). So dass wir zunächst glauben (müssen), sie arbeite tatsächlich für die Russen. Jedenfalls hetzt sie nun von einer schier ausweglosen Situation zur nächsten, prügelt und schießt sich mit Dutzenden von Gegnern, und dringt am Ende sogar ins Weiße Haus ein, wo die letzte böse Überraschung auf sie wartet.
Kurzum, eine einzige Krawallnummer, von Regisseur Phillip Noyce („Das Kartell“) immerhin ausgesprochen zügig und mit viel Aufwand überaus spannend in Szene gesetzt. Humor oder Ironie sucht man allerdings vergeblich, und ein Manko ist auch, dass Angelina Jolie zwar stets blendend aussieht (von einer Folterszene zu Beginn einmal abgesehen), als schlagkräftige Geheimagentin aber eher eine Fehlbesetzung ist. So mager, wie diese Frau ist, müsste sie sich schon beim ersten Schlagabtausch sämtliche Knochen brechen. Aber gut, wir wollen nicht nörgeln: Roger Moore war auch kein Bruce Lee.
Wer mehr über Angelina Jolie erfahren möchte, kann auf Andrew Mortons „unautorisierte Biografie“ zurückgreifen, die soeben im Verlag St. Martin`s Press erschienen ist.
„The Expendables“ und „Briefe an Julia“
Das sei ja wie schlechter Shakespeare, beschwert sich der Oberbösewicht, ein abtrünniger CIA-Agent, nachdem die Dramaturgie der Ereignisse ihn endgültig zum Verlierer erklärt hat bzw. die „Expendables“ ihm nun unaufhaltsam auf den Leib rücken. Doch ein echter Schurke gibt so leicht nicht auf, und so müssen wir noch eine schier endlose Abfolge von brutalen Zweikämpfen, blutigen Feuergefechten und gewaltigen Explosionen durchstehen, ehe der Söldnertrupp um Ex-Elitesoldat Barney Ross (Sylvester Stallone) die Bühne gesäubert und dem Guten zum Sieg verholfen hat.
Wer gedacht hatte, nach seinem vierten und hoffentlich letzten Rambo-Abenteuer hätte der mittlerweile 64-jährige Stallone es satt gehabt, den Haudrauf zu spielen und würde sich stattdessen nach Charakterrollen umsehen, der wird mit “The Expendables” eines Besseren belehrt. Was den Film zunächst hervorhebt, ist seine ungewöhnliche Besetzung: Neben Stallone und Co-Hauptdarsteller Jason Statham (37) sind noch Dolph Lundgren (52), Mickey Rourke (57), Eric Roberts (54) sowie in Kurzauftritten Bruce Willis (55) und Arnold Schwarzenegger (63) mit von der Partie. Das ergibt eine formidable Rentnergang des Actionfilms, die hohe Erwartungen weckt.
Was die Story angeht, ist der Film ein loses Remake der Frederick Forsyth Verfilmung „Die Hunde des Krieges“ (1980; Regie: John Irvin). Nur leider ist Stallone, der auch maßgeblich am Drehbuch mitschrieb, als Autor kein Forsyth, und als Regisseur erst recht kein Sam Peckinpah, dessen Meisterwerk „The Wild Bunch – Sie kannten kein Gesetz“ er beim finalen Massaker einige Male zitiert. So verkommt das Kommandounternehmen der „Expendables“, eine von einem korrupten General (David Zavas) und oben erwähnten CIA-Agenten (Eric Roberts) tyrannisierte Karibikinsel zu befreien, zu einem hohlen Gewalttrip ohne jede Raffinesse oder Doppelbödigkeit. Für hartgesottene Genrefans gerade noch akzeptabel, hauptsächlich durch
die Mitwirkung von Jason Statham und Mickey Rourke und Stallones
immerhin recht rasante Inszenierung.
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Ganz im Zeichen Shakespeares steht die bezaubernde romantische Komödie „Briefe an Julia“, geschrieben von José Rivera („Die Reise des jungen Che“) und Tim Sullivan und mit Gary Winick („30 über Nacht") auf dem Regiestuhl. Denn als die angehende New Yorker Journalistin Sophie (süß: Amanda Seyfried) mit ihrem Verlobten Victor (lieb: Gael Garcia Bernal), einem Koch und zukünftigen Restaurantbesitzer, in Verona weilt und sich langweilt, stößt sie bei einem Bummel durch die Stadt auf eine Handvoll Frauen, die sich „Julias Sekretärinnen" nennen. Genauer gesagt, beantworten sie Briefe unglücklich Verliebter, die diese an die Protagonistin aus Shakespeares „Romeo & Julia" geschickt bzw. an die Mauer unterhalb des weltberühmten Balkons geklebt haben. Zufällig findet Sophie einen in der Mauer versteckten Brief, der vor 50 Jahre geschrieben wurde, und beschließt, die Verfasserin Claire (aristokratisch: Vanessa Redgrave) zu kontaktieren. Die kommt auch umgehend aus London angereist, zusammen mit ihrem schnöseligen Enkelsohn Charlie (letztendlich auch ein ganz Lieber: Christopher Egan), und alle drei machen sich auf die Suche nach Claires erster großer Liebe Lorenzo (Franco Nero: immer noch ein Bild von einem Mann) ...
Natürlich kann man sich denken, wie diese Reise durch die wunderschönen Landschaften und Städte der Toskana enden wird, aber bei so guten Darstellern und so viel Gefühl nimmt man die vielen Klischees und das flache Drehbuch gerne in Kauf. Zumal Vanessa Redgrave und Franco Nero, die seit Jahrzehnten ein Paar (mit zwischenzeitlichen Trennungen) sind, hier endlich wieder gemeinsam vor der Kamera stehen. Passend zum Film auch, dass die beiden erst im Dezember 2006, 37 Jahre nach der Geburt ihres Sohnes, geheiratet haben.
„Alexis Sorbas“ und „Precious“
Zu den Filmen, die jeder Filmfreund wenigstens einmal im Leben gesehen haben sollte, und zwar auf der großen Leinwand, zählt natürlich „Alexis Sorbas“ aus dem Jahr 1964, der noch bis morgen im Salzburger „Das Kino“ gezeigt wird. Gedreht nach dem 1946 erschienenen Roman des griechischen Autors Nikos Kazantzakis (1883 – 1957) und inszeniert von Michael Cacoyannis, führt uns der Film nach Kreta, wo ein junger, weltfremder englischer Schriftsteller (Alan Bates) ein Braunkohlebergwerk geerbt hat. Auf dem Weg dorthin lernt er den lebenslustigen Herumtreiber Alexis Sorbas kennen, gespielt von Anthony Quinn, der ihm seine Hilfe anbietet, um nicht zu sagen: aufdrängt. Die beiden lassen sich in einem Dorf nahe der Mine nieder und nehmen bald schon regen Anteil an dem Leben in der kleinen Gemeinschaft: Sorbas macht sich an Madame Hortense (Lila Kedrova) ran, eine alt gewordene, kränkliche Ex-Prostituierte, und der Engländer stellt einer hübschen Witwe (Irene Papas) nach. Wenig später kann Sorbas nicht verhindern, dass das Bergwerk einstürzt; er kann gerade noch sich und die anderen retten. Um die Stollen abzustützen, brauchen sie starke Balken. Also errichten sie auf Sorbas` Vorschlag hin eine Seilbahn, um den Waldbestand des darüber liegenden Berges zu nutzen. Mit ungeahnten Folgen ...
Für insgesamt sieben Oscars nominiert, erhielt der Film drei Preise: Lila Kedrova wurde als Beste weibliche Nebendarstellerin ausgezeichnet, Walter Lasally für seine Schwarzweiß-Fotografie, und Vassilis Fotopoulos für die Ausstattung. Anthony Quinn verkörperte die Figur des Alexis Sorbas dabei derart lebensecht und eindrucksvoll, dass er noch lange danach mit dieser Filmgestalt identifiziert wurde. Und Michael Cacoyannis gelang eine noch heute beeindruckende, ungemein spannende Mischung aus vorhippiesker Idylle und dörflicher Brutalität. Gestalterischer und vielzitierter Höhepunkt ist natürlich der legendäre Sirtaki-Tanz, komponiert von Mikis Theodorakis, der am 29. Juli 85 Jahre alt wurde.
Absolut nichts zu lachen, aber zumindest ein wenig Hoffnung gibt es hingegen in „Precious – Das Leben ist kostbar“, der Verfilmung des Schockromans „Push“ (1996) von Sapphire (= Ramona Lofton). „Heldin“ des Films ist die 16-jährige Claireece, genannt Precious (Gabourey Sidibe), die mit ihrer verwahrlosten Mutter in Harlem haust, Analphabetin ist und seit frühester Kindheit regelmäßig von ihrem Vater vergewaltigt wird. Mit 12 bekam sie das erste Kind von ihm, und jetzt ist sie wieder schwanger. Und hat zudem das HIV-Virus in sich, angesteckt von ihrem Vater, bevor er die Familie verließ. Doch Precious resigniert nicht, sondern versucht, sich aus eigener Kraft aus dieser Hölle zu befreien.
Zwar wurde der Filme ziemlich kontrovers aufgenommen, manche Kritiker warfen ihm vor, herablassend und sensationslüstern zu sein und dass die Aussagen einiger der am Film Beteiligten, sie würden die beschriebenen Zustände aus eigener Erfahrung kennen, nur dazu dienten, Kritiker mundtot zu machen. Denn nicht nur Sapphire, sondern auch Regisseur Lee Daniels und Produzentin Oprah Winfrey hatten angegeben, als Kind missbraucht worden zu sein. Wie dem auch sei, der Film überzeugt sowohl als Drama als auch als Milieustudie und bietet auch darstellerisch Höchstleistungen. Nicht umsonst erhielt die Schauspielerin Mo`Nique für die Rolle der Mutter einen Oscar für die beste weibliche Nebenrolle, und Geoffrey Fletcher wurde für das beste adaptierte Drehbuch ausgezeichnet.
Rechtzeitig zur Ferienzeit ist auch
„Toy Story 3“ angelaufen. Zum Inhalt: Aus dem kleinen Andy, dem die Spielzeuge gehören, ist mittlerweile ein Teenager geworden, der gerade seine Sachen fürs College packt. Und da ist kein Platz mehr für Cowboys, Space-Ranger oder Dinosaurier. Für Woody und seine Freunde ist damit der Tag gekommen vor dem sie immer Angst hatten: Sie werden nicht mehr gebraucht … denken sie zunächst!
„Knight and Day“ und „Die Fremde“
Momentan ist es ja groß in Mode, auf Tom „Flop Gun“ Cruise einzuschlagen. Sein Engagement bei der Scientology-Sekte, seine beschränkten schauspielerischen Fähigkeiten, sein kindisches Gehabe bei Talkshows, alles ganz, ganz fürchterlich. Und dann erst die Wahl seiner Rollen: Musste er wirklich den Widerstandskämpfer Stauffenberg verkörpern und sich für den dafür erhaltenen Courage-Bambi mit den Worten „Gott schütze das heilige Deutschland“ bedanken? So mies jedoch, wie derzeit sein neuer Film, die Actionkomödie „Knight and Day“, in den Feuilletons gemacht wird, ist der Streifen absolut nicht. Cruise spielt darin den augenscheinlich abtrünnigen CIA-Agenten Roy Miller, der sich mitsamt einer bahnbrechenden Erfindung auf der Flucht vor seinen Kollegen befindet. Genauer gesagt, mit einer daumengroßen Batterie, die angeblich eine Kleinstadt oder ein U-Boot (!) mit Strom versorgen kann und sich niemals entlädt. Die wilde Jagd führt Miller über Boston, die Karibik und Salzburg bis nach Sevilla, wo sich beim Showdown mit einem spanischen Waffenhändler alles aufklärt bzw. in Luft auflöst. Mit von der Partie ist dabei Cameron Diaz als arglose Restauratorin von Oldtimern, die von Miller erst benutzt und dann notgedrungen mitgeschleppt wird. Natürlich ist die ganze Hetzerei nur Vorwand für möglichst viele Schießereien und halsbrecherische Stunts, von Regisseur James Mangold hübsch pittoresk in Szene gesetzt. Mangold, dessen bester Film bislang die Johnny Cash-Biographie „Walk the Line“ war und der zuletzt mit „Todeszug nach Yuma“ den Western neu belebt hat, gelang dabei das Kunststück, mit viel Tempo, schwarzem Humor und Sinn für ausgeklügelt choreographierte Actionszenen die totale Unglaubwürdigkeit des konfusen Drehbuchs zu überspielen. Zumal Cruise und Diaz ein recht ansprechendes Paar abgeben, dem man auch beim größten Unsinn gerne zuschaut. Apropos Salzburg! Wer die Stadt auch nur flüchtig kennt, wird sich über so manches wundern. Zum Beispiel, welch moderner Bahnhof hier plötzlich steht und wie es möglich sein kann, in der Innenstadt von einem Hausdach in die Salzach zu springen. Bei der Premiere in der Festspielstadt hat dies laut Presseberichten aber kaum jemanden gestört, stattdessen verwies man stolz auf den „unglaublichen Werbeeffekt“ für die Stadt. Fragt sich nur, ob diese Einschätzung auch von potentiellen Besuchern geteilt wird. Denn das nächtliche Salzburg schaut hier eher aus wie das Nachkriegs-Wien im „Dritten Mann“, düster, unheimlich und alles andere als touristenfreundlich. * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * *
Ebenso unglaublich, aber leider hart an der Realität ist die Geschichte, die uns der Film „Die Fremde“ erzählt. Sie handelt von der 25-jährigen Umay (Sibel Kekilli), die in einem Vorort von Istanbul unter den Gewaltausbrüchen ihres Mannes leidet und mit ihrem kleinen Sohn Cem „nach Hause“ flieht, zurück zu ihrer Familie nach Berlin. Doch die will von ihrem „Ausbruch“ nichts wissen und fordert sie auf, bei ihrem Mann zu bleiben. Umay weigert sich und sucht Hilfe in einem Frauenhaus, und bringt so alle gegen sich auf. Zwar versucht sie weiterhin, mit ihrer Familie in Kontakt zu bleiben, aber zu spät. Sie hat gegen die Familienehre verstoßen und dafür muss sie bestraft werden. Inszeniert und geschrieben von der in Wien geborenen Schauspielerin Feo Aladag, beleuchtet der Film die Hintergründe eines sogenannten Ehrenmords. Zwar ist der Regisseurin dabei einiges recht plakativ bzw. arg gefühlig geraten, etwa in der Darstellung von Umays neuem Freund, einem verständnisvollen Softie. Im großen und ganzen überzeugt der großartig gespielte Film aber, wie ernst er sein brisantes Thema nimmt, wie genau und schonungslos er die Unterdrückung der Frau in von überkommenen Wertvorstellungen geprägten Gesellschaften aufzeigt (und anprangert). Wobei es nicht im geringsten stört, dass etwa 90 Prozent der Dialoge in Türkisch (mit deutschen Untertiteln) gehalten sind.
„Für immer Shrek“ und „It might get loud“ (DVD)
Eigentlich hätte Shrek allen Grund, mit sich und der Welt zufrieden zu sein: Er hat seine Fiona, drei reizende Kinder und jede Menge Freunde, die ihn bewundern. Doch bei einer Geburtstagsparty platzt ihm der Kragen, kann er dem ganzen Wirbel um seine Person plötzlich nichts mehr abgewinnen. Sieht er nur noch, wie die Kleinen schreien, kacken und furzen, die Freunde nerven und Fiona langweilt. Kurzum: Er sehnt sich nach der Zeit, als man noch Angst vor ihm hatte und er machen konnte, was er wollte. Also stampft er frustriert von dannen, und trifft auf Rumpelstilzchen, das ihm sogleich einen faustischen Deal anbietet: Shrek könne einen Tag lang wieder ganz der alte sein, müsse Rumpelstilzchen dafür aber einen beliebigen Tag seines Lebens schenken. Shrek willigt ein, und erwacht in einem Alptraum, in einer Welt OHNE ihn, in der ein tyrannisches Rumpelstilzchen das Kommando übernommen hat und Fiona als Anführerin einer Untergrundbewegung agiert. Mit größter Mühe klinkt er sich wieder ein und versucht gemeinsam mit Fiona, die zunächst nichts von ihm wissen möchte, die alten Verhältnisse wiederherzustellen. Trotz der deutlichen Anleihen an dem Weihnachtsklassiker „Ist das Leben nicht schön?“, in dem ein selbstmordgefährdeter James Stewart vor Augen geführt bekommt, welch Sündenpfuhl aus seiner Heimatstadt ohne ihn geworden wäre, überzeugt auch dieses vierte Abenteuer um den Oger Shrek mit kurzweiliger Handlung, garniert mit vielen witzigen Einfällen. Zumal mit Rumpelstilzchen und dessen Hexenarmee ein würdiger Gegenspieler zur Hand ist. Zwar gerät der Film gegen Ende in bedenkliche Nähe zu einem Erbauungsstück, das Familienwerte und die Freuden eines zivilisierten, geordneten Leben über alles stellt, aber bis dahin werden wir gut unterhalten. * * *
Von vielen als einer der besten Musikfilme der letzten Jahre wird „It might get loud“ angesehen, der jetzt auf DVD herausgekommen ist. Regisseur Davis Guggenheim bringt darin drei Gitarristen der Extraklasse, Jimmy Page (Jahrgang 1944; Led Zeppelin), The Edge (Jahrgang 1961; U 2) und Jack White (Jahrgang 1975; White Stripes) zusammen, die in lockerer Atmosphäre einzeln und gemeinsam vorführen, was sie alles draufhaben, verknüpft mit Geschichten ihrer ganz persönlichen musikalischen Entwicklung. * * * Bereits vor drei Jahren erschien ein Buch des amerikanischen Journalisten Robert Greenfield, in dem er beschreibt, unter welch chaotischen Bedingungen das Album „Exile on Main St.“ der Rolling Stones im Sommer 1971 in Südfrankreich entstand. Zur Neuausgabe des Albums mit zehn zusätzlichen, bisher unveröffentlichten Tracks kam nun auch ein Dokumentarfilm auf den Markt: „Stones in Exile“, zu dem Regisseur und Drehbuchautor Stephen Kijak sich nach Belieben im Archiv der Stones bedienen durfte. Das Ergebnis sind so spannende wie intime Einblicke in das Innenleben der Band, die damals wohl auf dem Höhepunkt ihrer Karriere stand. * * *
Ausschau halten sollte man auch nach dem soeben angelaufenen Dokumentarfilm „When your`re strange“, einem Porträt der Band The Doors neben den Beatles und den Stones die vermutlich berühmteste Formation der sechziger Jahre, auch wenn sie nur 54 Monate lang bestand. Anders als Oliver Stone in seinem Spielfilm setzt Regisseur Tom DiCillo auf Filmmaterial, das die Band selbst produziert hatte, darunter Ausschnitte aus Jim Morrisons experimentellem Roadmovie „HWY: An American Pastoral“.
„Ghost“ und „In the Electric Mist“ (DVD)
Es stimmt schon, wie es in dem Film einmal heißt: Niemand liest die Memoiren von Politikern. Trotzdem werden sie geschrieben, und häufig sind dabei sogenannte „Ghostwriter“ mit am Werk. Wie so etwas funktioniert, hat der britische Erfolgsautor Robert Harris in seinem höchst empfehlenswerten Thriller „Ghost“ so exemplarisch wie unterhaltsam vorgeführt. Nachdem sein Vorgänger unter ungeklärten Umständen ums Leben gekommen ist, soll ein neuer Ghostwriter die Autobiografie des britischen Ex-Premierministers Adam Lang verfassen bzw. das bereits vorhandene Material in publikumswirksame Form bringen. Allerdings hat er dafür nur vier Wochen Zeit, und er muss dazu auf eine Insel vor der amerikanischen Ostküste kommen, wo Lang mit seiner Frau, einigen Mitarbeitern und einem Sicherheitsteam untergekommen ist.
Dabei dauert es nicht lange, bis der Ghostwriter Unstimmigkeiten in Langs Erinnerungen entdeckt. Ist der Mann tatsächlich rein zufällig in die Politik geraten oder steckt doch ein Plan dahinter, ausgetüftelt von wem auch immer? Aber es kommt noch stressiger: Mittendrin wird Lang von einem ehemaligen Kabinettskollegen beschuldigt, während des Irakkriegs vier britische Staatsbürger der CIA und damit der Folter ausgeliefert zu haben; der Internationale Gerichtshof in Den Haag schaltet sich ein. Und
dann erhält der Ghostwriter auch noch Informationen, die darauf hinweisen, dass sein Vorgänger möglicherweise ermordet wurde.
Jetzt hat Regisseur Roman Polanski, der gemeinsam mit Harris auch das Drehbuch schrieb, den Stoff verfilmt und einen eleganten, ungemein spannenden Thriller daraus gefertigt, mit Ewan McGregor als Ghostwriter und Pierce Brosnan als Adam Lang. Obwohl auf Sylt und Usedom sowie in Berlin gedreht, besticht der Film durch seine präzisen, atmosphärisch dichten Schauplatzbeschreibungen, die allein schon Kälte und Einsamkeit vermitteln und die reichlich frostigen Verhältnisse, unter denen der Ghostwriter seiner zunehmend gefährlichen Tätigkeit nachgeht, hervorragend ergänzen. Zwar musste Polanski infolge seines Hausarrests Schnitt und Nachproduktion von seinem Chalet in der Schweiz aus erledigen, der Qualität tat es keinen Abbruch. Lediglich das Ende des Romans haben Polanski und Harris geändert, nicht unbedingt zum Vorteil der Geschichte, wie ich finde. Aber das ist auch schon der einzige Einwand, den ich habe.
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Und noch eine Romanadaption: Mit „In the Electric Mist“ hat der französische Regisseur Bertrand Tavernier einen der vorzüglichen Südstaaten-Thriller des amerikanischen Autors James Lee Burke verfilmt, mit Tommy Lee Jones und John Goodman in den Hauptrollen. Zwar ist der eher bedächtig inszenierte Film, nicht zuletzt „dank“ seiner komplizierten Produktionsgeschichte, nicht rundum gelungen, aber wer die Romane um den Vietnamveteran und Ex-Cop David Robicheaux mit ihren düsteren, oft weit in die Vergangenheit zurückreichenden Dramen mag, kommt dennoch auf seine Kosten. Zumal ein Film mit Tommy Lee Jones immer eine sehenswerte Angelegenheit ist.
„Sin Nombre“ und „Ein Prophet“
Sie sind bettelarm und leben in Slums, aber sie haben noch Hoffnung. Eine Hoffnung allerdings, die sich nicht auf ihr eigenes Land bezieht, auf Arbeitsplätze, Sozialreformen und vielleicht noch demokratische Verhältnisse, sondern auf ein Land, das fast tausend Kilometer nördlich von ihnen liegt, die USA. Wie diese Menschen dorthin gelangen und was sie dabei alles durchmachen müssen, davon erzählt eindringlich und überaus spannend die mexikanisch/US-amerikanische Produktion „Sin Nombre“, geschrieben und inszeniert von dem 31-jährigen, in Kalifornien geborenen Regisseur Cary Joji Fukunaga.
Der Film erzählt aber auch von der Macht der Straßenbanden, die vor allem in Zentralamerika immer mehr Zuspruch finden, bieten sie in einem von Armut und Gewalt geprägten System doch Rückhalt und Sicherheit, auch wenn als Gegenleistung schwerste Verbrechen gefordert werden. Eines dieser Bandenmitglieder ist der 18-jährige Casper (Edgar Flores), der aber, weil verliebt, seinen „Pflichten“ nicht mehr so recht nachkommt. Von seinem Boss Lil` Mago gezwungen, Flüchtlinge aus Honduras auszurauben, die auf den Dächern von Güterzügen quer durch Mexiko zur texanischen Grenze unterwegs sind, trifft er auf die junge Sayra (Paulina Gaitan). Als Lil` Mago versucht, Sayra zu vergewaltigen, wechselt Casper die Seiten und rettet die Frau. Damit ist er zum Tod verurteilt, alle Banden Mexikos machen nun Jagd auf ihn. Dennoch tut er sein Möglichstes, um Sayra sicher zur Grenze zu bringen.
„Sin Nombre“ ist eine Reise in die Schattenwelt Mexikos, eine geradezu explosive Mischung aus Gangsterfilm, Roadmovie und Liebesdrama, brillant inszeniert und so hart an der Realität, dass man kaum zwischen Doku und Melodram unterscheiden kann. Zwar kommen gegen Ende des Films ein paar Zufälle zu viel ins Spiel, über die man aber ebenso hinwegsehen kann wie über die leicht hölzerne Mimik mancher der (Laien)Darsteller. Ich wüsste jedenfalls keinen Film in letzter Zeit, der mich mehr berührt und bewegt hätte als dieser.
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Nur ein Jahr älter als Casper ist Malik El Djebena (Tahar Rahim), der in dem französischen Gangsterfilm„Ein Prophet“ die Hauptrolle spielt und gleich zu Beginn des Films eine sechsjährige Haftstrafe antritt. Doch anders als Casper arrangiert sich der Franzose maghrebinischer Abstammung mit den Verhältnissen und schlägt seinen Vorteil daraus. Nach einem Mord an einem Mitgefangenen steigt er schnell in der Hierarchie innerhalb der Gefängnismauern auf und erledigt Botengänge und Aufträge für eine korsische Mafiagruppe, die das Gefängnis kontrolliert. Aber er schmiedet auch eigene Pläne, und die haben mit Resozialisierung absolut nichts zu tun.
Dass der Knast aus seinen Insassen keine besseren Menschen macht oder sie vor weiteren Straftaten abhält, wissen wir nicht nur aus Filmen. Aber selten wurden diese Mechanismen treffender (und auch brutaler) als in diesem kompromisslosen, vielfach preisgekrönten Films des französischen Regisseurs Jacques Audiard („Der wilde Schlag meines Herzens“) vorgeführt. Von Flucht ist in diesem Film nie die Rede, er ist vielmehr ein faszinierender Bildungsroman der ganz anderen Art und eröffnet einen Blick in eine Welt, aus der es kein Entkommen gibt.
„Robin Hood“ und „Verdammnis“
Was tat Robin Hood, bevor er die Reichen beklaute und die Armen beschenkte? Glaubt man Regisseur Ridley Scott und seinem Drehbuchautor Brian Helgeland, dann diente er als Bogenschütze im Herr des englischen Königs Richard Löwenherz und kämpfte in den Kreuzzügen. Er war jedoch angewidert von den Grausamkeiten des Krieges, etwa der von Richard befohlenen Hinrichtung von rund zweitausend muslimischen Gefangenen, so dass er keine Skrupel hatte, nach Richards Tod auf dem Schlachtfeld die Identität eines gefallenen Ritters anzunehmen und als reicher Edelmann nach England zurückzukehren.
In ein Land, miserabel regiert und ausgebeutet von Prinz John, Richards Bruder und Nachfolger auf dem Thron. Und bedroht von König Philip von Frankreich, der mit Hilfe eines Verräters am Hof eine Invasion plant. Umstände, die auch Robin nicht unberührt lassen, und so findet er sich bald schon zwischen den Fronten wieder. Einerseits möchte er König John etwas Demokratie, sprich: Bürgerrechte, abtrotzen, andererseits fühlt er sich verpflichtet, dem ungeliebten Herrscher gegen die Franzosen beizustehen.
Genau zehn Jahr nach ihrem „Gladiator“ haben sich Ridley Scott und sein Lieblingsschauspieler Russell Crowe zusammengetan, um uns den „wahren“ Robin Hood zu präsentieren, den Mann hinter der Legende. Was natürlich Blödsinn ist, denn es gibt nur die Legende, aber so gut wie keine gesicherten Fakten zu der Figur des Robin Hood. Vielleicht war er tatsächlich ein früher Sozialrebell, der im Schutz der Wälder einen Guerillakrieg gegen die Obrigkeit führte, vielleicht aber auch nur ein in Ungnade gefallener Förster, der sich als ungewöhnlich listiger Räuber betätigte.
Ridley Scotts Zusammenarbeit mit Brian Helgeland, der seit seinem Oscar für „L. A. Confidential“ zu den besten Drehbuchautoren Hollywoods zählt und zuletzt mit seiner Vorlage für den Politthriller „Green Zone“ überzeugte, hat sich dennoch gelohnt. Ihr Film ist spannend von der ersten bis zur letzten Minute, auch wenn sie ihrem Robin Hood ein wenig viel an Verantwortung und Pflichten aufgebürdet haben. Zwar fehlt den zahlreichen Kampfszenen so manches, was wir moralisch Zurückgebliebenen an solchen Stoffen so schätzen: Blut, heraushängendes Gedärm und andere Realitätspartikel wie abgeschlagene Gliedmaßen, ansonsten wirkt das Bild, das die beiden Filmemacher vom ausgehenden 12. Jahrhundert zeichnen, ungewöhnlich authentisch, düster und grimmig. Von Romantik keine Spur, selbst Robins Liebschaft mit Lady Marian (Cate Blanchett) fällt arg sachlich und spröde aus. Hochinteressant auch die höfischen Intrigen und bei der Invasion der französischen Truppen die Vorwegnahme der alliierten Landungsboote am D-Day in der Normandie. Kurz gesagt: Legende hin oder her, so hätte sie sein dürfen, die Vorgeschichte des Rächers der Enterbten vom Sherwood Forest.
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Einen verzweifelten Kampf gegen das Böse in der Welt führt auch Lisbeth Salander, eine der ungewöhnlichsten Figuren der Kriminalliteratur.
In „Verdammnis“, der Verfilmung des zweiten Teils der „Millenniums-Trilogie“ des 2004 verstorbenen schwedischen Krimiautors Stieg Larsson, kehrt sie nach Schweden zurück und gerät in eine üble Intrige, als eine Bande von Mädchenhändlern versucht, ihr die Verantwortung für drei Morde in die Schuhe zu schieben. Der Einzige, der an ihre Unschuld glaubt und im Wettlauf mit der Polizei den Fall auf eigene Faust aufklären möchte, ist der Journalist Mikael Blomkvist. Doch erst am Ende des packenden Films treffen sie aufeinander, bei einem blutigen Showdown in der westschwedischen Provinz. Ein Finale allerdings, bei dem eine unglaublich wichtige Frage offen bleibt, so dass ich allein deswegen schon den dritten Teil kaum erwarten kann. Der ist zum Glück bereits abgedreht und kommt im Sommer in die Kinos.
„Das weiße Band“ und „Wenn Liebe so einfach wäre“ „From Paris with Love“ und „Date Night – Gangster für eine Nacht“
Vor ein paar Monaten war es Liam Neeson, der als Ex-CIA-Agent nach Paris kam, um hier seine von Mädchenhändlern entführte Tochter aufzuspüren. Und der dabei kein Pardon kannte bzw. keine Gefangenen machte, weder in Unterweltkreisen noch in den höchsten Kreisen der Pariser Gesellschaft, wohin ihn seine Suche letztendlich führte. Der Film hieß „96 Hours“, war die zweite Regiearbeit des Ex-Kameramanns Pierre Morel und einer der besten Actionkracher der letzten Jahre, unglaublich rasant inszeniert und höchst spannend von der ersten bis zur letzten Minute. Jetzt hat Regisseur Morel nachgelegt und mit John Travolta neuerlich einen CIA-Agenten nach Paris geschickt. Oder besser gesagt: auf die Stadt an der Seine losgelassen. Denn Charlie Wax kennt nur eine Methode: Erst schießen, dann fragen. Bei seinem neuen Auftrag muss Wax mit dem ehrgeizigen Botschaftsangestellten und Teilzeit-Spion James Reese (Jonathan Rhys Meyers) zusammenarbeiten, es gilt, einen von islamistischen Terroristen geplanten Anschlag zu verhindern. Wobei der Feind den beiden näher ist, als sie zunächst vermuten. John Travolta, mit glattrasiertem Schädel, Ring im Ohr und Kinnbart, spielt diesen hässlichen Amerikaner mit Gusto und Hang zur Selbstparodie. Allerdings übertreibt er anfangs derart, dass wir uns schwer tun, wenn Morel und sein Drehbuchautor Adi Hasak unversehens von uns verlangen, wir sollen den Film und Travoltas Brachialmethoden in der zweiten (und besseren Hälfte) ernst nehmen. Was bleibt, ist Durchschnittsware und die Hoffnung, dass Morel beim nächsten Mal wieder voll zulangt. * * *
„In Date Night – Gangster für eine Nacht“ sind es Phil und Claire Foster
(Steve Carell und Tina Fey), ein nettes, erfolgreiches, aber auch leicht gelangweiltes Ehepaar aus New Jersey, das eines Abends in Manhattan einen draufmachen möchte und dabei arg in die Bredouille gerät. Infolge eines Missverständnisses werden die zwei für Erpresser gehalten, die einen Mafiaboss beklaut haben sollen, und müssen Hals über Kopf flüchten, verfolgt von zwei Gangstertypen mit Polizeimarken. Auftakt einer wilden Hetzjagd quer durch New York, bei der Phil und Claire von einer haarsträubenden Situation in die nächste schlittern. Regisseur Shawn Levy („Nachts im Museum“) hat mit diesem Film die Actionkomödie zwar nicht gerade neu erfunden, das Ganze aber immerhin routiniert und flott in Szene gesetzt. Sehr schön etwa die Actionsequenz mit zwei ineinander verkeilten Autos, und wie Gaststar Mark Wahlberg lediglich seinen nackten, muskelbepackten Oberkörper in die Kamera halten muss, um eine Szene zu dominieren, hat auch was für sich. Zuletzt noch ausnahmsweise ein Wort zur deutschen Synchronisation: Leider zündet hier so manch verbaler Schlagabtausch nicht bzw. hört sich ausgesprochen albern an, Stichwort „Schnute“. Da war der Verleih wohl zu bequem oder zu knapp bei Kasse, um für die Wortspiele des Originals eine adäquate Übersetzung in Auftrag zu geben.
Ein Dorf im protestantischen Norden Deutschlands, am Vorabend des Ersten Weltkriegs. Hier ereignen sich unerklärliche Vorfälle: Der Arzt kommt bei einem mysteriösen Reitunfall fast ums Leben, eine Bauersfrau stirbt
bei einem „Unfall“ im Sägewerk, Kinder verschwinden und werden halbtot geprügelt wieder aufgefunden, ohne dass ein Täter sichtbar würde. Sicher ist nur, dass die Schuldigen in der Dorfgemeinschaft zu suchen sind. Doch die Autoritäten des Dorfes (Baron, Gutsverwalter, Pfarrer) erweisen sich als hilflos und auch die herbeigerufene Polizei muss unverrichteter Dinge wieder abziehen. Nur der Dorflehrer, er fungiert auch als Erzähler des Films, ahnt schließlich die (schrecklichen) Zusammenhänge.
Die Goldene Palme von Cannes, den Europäischen Filmpreis und den Golden Globe für den besten ausländischen Film hat er bereits gewonnen, und auch der Oscar für den besten nichtenglischsprachigen Film dürfte Regisseur und Drehbuchautor Michael Haneke („Funny Games“) relativ sicher sein, für diese in strengem Schwarzweiß gefilmte „deutsche Kindergeschichte“, so der Untertitel des Films. Absolut zu Recht, wie ich finde, denn ich habe selten einen Film erlebt, der mich sowohl inhaltlich als auch formal derart beeindruckt hätte.
Ob der Film tatsächlich eine Generation beschreibt, „die dem Faschismus entgegentreibt“, wie Haneke in einem Interview anmerkte, muss dabei jeder Zuschauer für sich entscheiden. Vieles spricht dafür, wenn auch indirekt, in grandios verschlüsselten Bildern. Denn eine Auflösung bzw. Erklärungen bietet Haneke nicht. So bleibt einem nichts anderes übrig, als sich diesem unglaublich spannenden und hervorragend besetzten Film einfach auszuliefern und sich seine eigenen Gedanken zu machen. Es lohnt sich, glauben Sie mir.
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Im stets sonnigen Santa Barbara an der kalifornischen Küste ist von den Problemen, die einen Michael Haneke umtreiben, nichts zu spüren. Jedenfalls nicht, wenn die Regisseurin und Drehbuchautorin „Was das Herz begehrt“ Nancy Meyers heißt. In ihrem neuen Film „Wenn Liebe so einfach wäre“ ist es das Gefühlswirrwarr der patenten Bäckerei- und Bistrobetreiberin Jane (umwerfend: Meryl Streep), das im Mittelpunkt des turbulenten Geschehens steht. Diese Jane ist seit zehn Jahren geschieden, hat drei prächtige, fast erwachsene Kinder und einen Job, der ihr Freude macht und ein gutes Einkommen sichert. Nur in der Liebe, da spielt sich schon seit längerem nichts mehr ab. Doch just in dem Augenblick, da ein möglicher Verehrer in Gestalt des Architekten Adam (Steve Martin) präsent ist, mischt sich Ex-Gatte Jake (köstlich: Alec Baldwin) wieder in ihr (Liebes)Leben ein. Aber eine Affäre mit dem Ex, kann das gut gehen? Die Kinder sind jedenfalls nicht begeistert, und auch Jane muss sich irgendwann entscheiden.
Doch bis es soweit ist, erleben wir eine wunderbar aufregende und höchst amüsante Dreiecksgeschichte, die zwar auf ein älteres Publikum zielt, an der aber auch jüngere Zuschauer ihren Spaß haben, wie ich während der von mir besuchten Vorstellung feststellen konnte.
„Disney`s Eine Weihnachtsgeschichte“ London in den 1840er Jahren: Der alte Ebenezer Scrooge (Jim Carrey) ist ein ungemein geiziger Geschäftemacher, dem es zusätzlich Vergnügen bereitet, seine Umgebung zu tyrannisieren. Besonders darunter zu leiden hat Bob Cratchit (Gary Oldman), sein einziger Angestellter, der sich, ganz im Gegensatz zu Scrooge, auf das bevorstehende Weihnachtsfest freut. Aber Weihnachten ist für den alten Fiesling nichts weiter als ein lästiges Übel, das er bislang erfolgreich ignoriert hat. Doch dieses Mal kommt es anders: Scrooge erscheint unvermutet der Geist seines vor sieben Jahren verstorbenen Partners Marley und kündigt ihm an, dass er demnächst von drei weiteren Geistern (ebenfalls von Carrey gespielt) heimgesucht werde. Diese kommen auch, entführen Scrooge sowohl in die Vergangenheit als auch in die Zukunft und machen aus ihm, nach vielen phantastischen Abenteuern, einen anderen, einen guten Menschen. Charles Dickens` Geschichte „A Christmas Carol“ ist 1843 erschienen und seit 1901 unzählige Male mehr oder weniger werkgetreu verfilmt worden. Bei dieser neuesten Version von Regisseur und Drehbuchautor Robert Zemeckis („Zurück in die Zukunft“) kam das sogenannte Performance-Capture-Verfahren zur Anwendung, bei dem zunächst mit realen Schauspielern gedreht wird, deren Gesichtszüge und Bewegungsabläufe dann digitalisiert werden, um sie nach Belieben zu verändern bzw. in alles Mögliche (und Unmögliche) aus dem Computer zu integrieren. Das funktioniert auch ganz prächtig, wenn zum Beispiel die entfesselte Kamera durch die Straßenschluchten und über die Dächer Londons hinweg bis zum Mond fliegt. Toll anzuschauen sind auch die vielen unheimlichen Begegnungen und haarsträubenden Verfolgungsjagden, die Scrooge auf seinem Weg zur Läuterung zu überstehen hat. Allerdings ist Jim Carrey kaum wiederzuerkennen, ebenso wie die vielen anderen prominenten Akteure wie Gary Oldman, Colin Firth oder Bob Hoskins. Und leider vermag es der Film auch kaum, uns in Weihnachtsstimmung zu versetzen oder groß andere Gefühle aufkommen zu lassen. Aber wie gesagt, dafür gibt es sehr viel zu staunen, beeindruckt der Film hauptsächlich durch seine Technik. Für Kinder unter neun, zehn Jahren dürfte der Film allerdings ein wenig zu gruselig sein. * * * Mit Filmen wie „Shaft“, „Super Fly“ oder „Black Caesar“ hat Hollywood Anfang der 70er Jahre erstmals Actionfilme mit schwarzen Stars, schwarzen Regisseuren und betont schwarzer Musik produziert. Zu Letzterem ist jetzt beim englischen Label „Soul Jazz Records“ mit „CAN YOU DIG IT? The Music and Politics of Black Action Films 1968 – 75“ auf 2 CDs eine höchst hörenswerte Zusammenstellung von 31 Funk- und Soulklassikern erschienen, interpretiert von Größen wie Isaac Hayes, James Brown oder Marvin Gaye. Das beiliegende, knapp 100-seitige Booklet gibt dazu ausführlich Auskunft über die historische Bedeutung dieses Filmgenres. „Zweiohrküken“ + „Public Enemy No. 1 – Mordinstinkt/Todestrieb“ (DVD)
Dass der schnöde Alltag mit Abspülen, Staubsaugen und Einkaufen eine Liebesbeziehung arg auf die Probe stellen kann, ist bekannt. Nicht umsonst heißt es zugespitzt: Die Liebe geht im Supermarkt flöten. Vor diesem Problem stehen auch Anna (Nora Tschirner) und Ludo (Til Schweiger), die am Ende von „Einohrhasen“ glaubten, ihr (gemeinsames) Glück gefunden zu haben. Verschärft wird die Situation dadurch, dass beide mit alten Liebschaften konfrontiert werden. Mit der üppig gebauten Marie (Edita Malovic) trifft Ludo eine alte Flamme wieder, während Anna Besuch von ihrem Studienkollegen und Ex-Liebhaber Ralf (Ken Duken) erhält. Der auf Annas Vorschlag auch noch vorübergehend bei ihnen einzieht, mit absehbaren Folgen. Der Film hatte schon im Vorfeld für Aufmerksamkeit gesorgt, da Til Schweiger, der neben der Regie auch die Produktion übernommen hatte und am Drehbuch beteiligt war, sich weigerte, ihn vorab der Presse vorzuführen. Unter anderem mit dem Argument, er wolle „sein Baby nicht schon wieder verprügelt sehen.“ Nun denn, diese Befürchtung hätte er sich sparen können. „Zweiohrküken“ reicht zwar nicht an seinen Vorgänger heran, als kurzweilige Beziehungsknatsch-Komödie ist der Film jedoch recht gelungen, trotz seiner überflüssigen Peniswitze und flach gezeichneten Figuren. Nur das weinerliche Finale, auf das hätte ich wirklich verzichten können. Wir haben es auch so begriffen: Liebe heißt, um Verzeihung bitten zu können. Tja, so ändern sich die Zeiten. Denn wenn ich mich recht erinnere, lautete die Erkenntnis in „Love Story“ noch: Liebe heißt, niemals um Verzeihung bitten zu müssen. * * *
Um die Liebe geht es auch in dem packenden französischen Zweiteiler „Public Enemy No. 1 – Mordinstinkt/Todestrieb“, der soeben auf DVD herausgekommen ist. Allerdings um die Liebe zum Geld, verknüpft mit der Liebe zu einem gewalttätigen, risikoreichen Leben. „Held“ des Films ist der bei uns weitgehend unbekannt gebliebene Bankräuber und Mörder Jacques Mesrine, der im Frankreich der 70er Jahre als Staatsfeind Nr. 1 für ähnliche Aufregung gesorgt hatte wie hierzulande die Baader-Meinhof-Bande. 1936 in Clichy geboren, avancierte der Ex-Algerienkämpfer innerhalb weniger Jahre vom kleinen Gangster aus dem Pariser Milieu zum meistgesuchten Verbrecher Frankreichs, dem drei spektakuläre Gefängnisausbrüche gelangen, bevor er 1979 einer Spezialeinheit der Pariser Polizei in die Falle ging und auf offener Straße förmlich hingerichtet wurde. Zwei Jahre zuvor war seine im Gefängnis verfasste Autobiographie erschienen, auf Deutsch unter dem Titel „Der Todestrieb. Lebensbericht eines Staatsfeindes“ erhältlich. Ein Buch übrigens, für das eigens ein Gesetz erlassen wurde, die „loi Mesrine“, die besagt, wer über seine Verbrechen Bücher schreibt oder sonst irgendwie damit an die Öffentlichkeit tritt, darf daran keinen Gewinn haben.Regisseur Jean-Francois Richet („Das Ende“) hält sich in seiner Verfilmung eng an das Buch und zeigt im ersten Teil „Mordinstinkt“, wie der aus dem Algerienkrieg heimgekehrte Mesrine, von Vincent Cassel mit nervöser Energie brillant verkörpert, auf die schiefe Bahn gerät und schließlich nach Kanada flüchtet, wo er sich ebenfalls als Erpresser, Bankräuber und Entführer betätigt. Der zweite Teil „Todestrieb“ konzentriert sich darauf, wie Mesrine nach seiner Rückkehr nach Frankreich trotz vieler weiterer Untaten zum Medienstar und Liebling der Anarchoszene aufsteigt. Ein Zweiteiler, der es wirklich in sich hat, der ohne zu beschönigen bestes französisches Gangsterkino mit dem Charakterbild eines Menschen verbindet, der hemmungslos tat, was er für richtig hielt, und wohl gerade deswegen so viele fasziniert hat.
„Die Frau des Zeitreisenden“
Der Bibliotheksangestellte Henry, gespielt von Eric Bana, ist ein Opfer der Zeit. Er sieht sich nämlich gezwungen, ständig unkontrolliert durch sein eigenes Leben zu reisen. Gemeinerweise auch noch nackt, was ihn immer wieder in Verlegenheit, um nicht zu sagen in handfeste Schwierigkeiten bringt. So auch gleich zu Beginn des Films, als er auf einer Waldwiese auf ein sechsjähriges Mädchen trifft, die zauberhafte Clare, und sie als erstes um eine Decke bitten muss. Dabei kennt er Clare schon seit vielen Jahren und weiß, dass sie Freunde und später sogar ein Paar werden. Der zweite Hollywood-Film des Stuttgarters Robert Schwentke (nach „Flightplan“), basierend auf einem Bestseller von Audrey Niffenegger (von dem ich bis vor Kurzem zum Glück nichts gehört hatte), ist zunächst eine schwer zu verkraftende Mixtur aus Romanze und Fantasy, die vor allem durch eines besticht: Dass sie sich keinen Deut um die Regeln der Logik schert. Doch zum Glück hält sich der Film mit wissenschaftlichen Erklärungen nicht lange auf, ist nur kurz die Rede davon, dass eine Mutation der Gene diese Zeitreisen bewirken würde und dass die Sache mit Singen (!) möglicherweise in den Griff zu bekommen wäre. Wer also guten Willen zeigt bzw. gewisse Partien im Hirn vorübergehend auszuschalten vermag, wird zumindest mit einer handfesten, bittersüßen Liebesgeschichte belohnt, nach dem Motto: Wer braucht schon Logik, wenn`s um die ganz großen Gefühle geht. Zumal Schwentkes Inszenierung recht flott ausgefallen ist, unterstützt von Kameramann Florian Ballhaus (Michaels Sohn), und die erwachsene Clare von Rachel McAdams anrührend verkörpert wird. Oder anders formuliert: Letztendlich geht es bei diesem Film gar nicht um das Phänomen Zeitreisen, sondern um das Phänomen der ewigen Liebe. Definitiv ein Film eher für Frauen also..
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Eine Zeitreise ganz anderer Art bietet „Radio Rock Revolution“ an, die zweite Regiearbeit von Richard Curtis (nach „Tatsächlich Liebe“) und soeben auf DVD erschienen. Der Film führt uns zurück in die Swingin` Sixties, als in der Nordsee schwimmende Piratensender wie Radio Caroline oder Wonderful Radio London der staatlichen BBC Konkurrenz boten. Auf so einem Pott lernt der 18-jährige Carl, wegen Drogenkonsums von der Schule geflogen, ein paar Lektionen fürs Leben lernen. Ein herrlicher Gute-Laune-Film mit einem wunderbaren Soundtrack und einer Spitzenbesetzung inklusive Bill Nighy (als Carls Patenonkel), Kenneth Branagh und Philip Seymour Hoffman. Eine reale Reise mit allen nur denkbaren Gefahren, die eine Reise so mit sich bringen kann, serviert dagegen der Thriller „Transsiberian“, der ebenfalls kürzlich auf DVD herausgekommen ist. Im Mittelpunkt der aufregenden, actionreichen Handlung steht das Ehepaar Roy und Jessie, gespielt von Woody Harrelson und Emily Mortimer, das sich im Zug von Peking nach Moskau mit kriminellen Mitreisenden und korrupten Polizisten (Ben Kingsley und Thomas Kretschmann) herumschlagen muss. Sehr spannende Unterhaltung mit Tiefgang.
„Horst Schlämmer – Isch kandidiere!“ |
„Hangover“
Die Hotelsuite verwüstet, im Badezimmer ein Tiger, in der Küche ein Baby, und ein Mann spurlos verschwunden. Nicht gerade das typische Ende einer feuchtfröhlichen Junggesellenparty, möchte man meinen. Dabei hatte alles ganz harmlos angefangen: Vier junge Männer sind nach Las Vegas gefahren, um noch einmal für ein Wochenende auf den Putz zu hauen, bevor einer von ihnen (Justin Bartha) im Hafen der Ehe landet. Doch ausgerechnet der ist jetzt weg, wie in Luft aufgelöst, und seine Freunde (Bradley Cooper, Ed Helms und Zach Galifianakis) wissen nicht, wie ihnen geschehen ist. Sie wissen nur eines: Sie müssen den Bräutigam wiederfinden, koste es, was es wolle. Immerhin finden sie rasch heraus, dass sie (versehentlich) unter Drogen gesetzt wurden. Eine weitere Spur tut sich auf, als ihnen aus dem Kofferraum ihres Wagens ein nackter Chinese entgegenspringt und sie alle mit einem Brecheisen verprügelt. Eine Behandlung, die sich bei einer Begegnung mit Boxlegende Mike Tyson wiederholt. Und das ist noch längst nicht alles ... Nein, die drei haben es wirklich nicht leicht bei ihrer Detektivarbeit, bei der ihnen so ziemlich alles zustößt, was einem das Wochenende vermiesen kann. Jede Menge Spaß haben indes die Zuschauer, auch wenn manches ein wenig uneinheitlich wirkt und von einer richtigen, schlüssigen Handlung kaum die Rede sein kann. Aber der untergründige Witz vieler Szenen, die prächtigen Schauplätze und die überaus guten, sich wunderbar ergänzenden Darsteller, Bradley Cooper als cooler Anführer der Gang, Ed Helms als zögerlicher Softie und Zach Galifianakis als leicht gestörter Sonderling mit versteckten Talenten, machen dies mehr als wett. Zumal Regisseur Todd Phillips („Road Trip“) mächtig aufs Gas tritt und seinem vom Pech verfolgten Trio kaum eine Atempause gönnt. Ein Film zum Ablachen, aber auch einer mit Herz.
„Brüno“ Wir kennen den britischen Komiker Sacha Baron Cohen von seinen Rollen bzw. Kunstfiguren Ali G. und Borat her. Und damit kennen wir auch seine Methode: Seine Gegenüber durch gewagte, provokante Rollenspiele aus dem Konzept zu bringen und auf diese Weise zu entlarven, sie in aller ihrer Lächerlichkeit und Aufgeblasenheit bloßzustellen. So auch in seinem neuesten Film „Brüno“, in dem er als schwuler Modejournalist den „größten österreichischen Superstar seit Hitler“ gibt und nach seinem Rauswurf beim Magazin „Funkyzeit“ versucht, in Hollywood Karriere zu machen, eine „Celebrity“ zu werden. Ein Schauspielagent verschafft ihm erste Jobs, die jedoch ebenso grandios in die Hose gehen wie Brünos Adoption eines afrikanisches Babys, dem er den „typisch afrikanischen“ Namen O.J. gibt. Nach einem letzten, verzweifelten Versuch, mit „Anal Bleaching“ dem Körperkult der Traumfabrik gerecht zu werden, erkennt er schließlich den wahren Grund für sein Versagen. Der soll, obwohl offensichtlich, an dieser Stelle nicht verraten werden, für Brüno brechen jedenfalls härtere Zeiten an. Sei es bei der Nationalgarde oder bei irgendwelchen Hinterwäldlern, mit denen er tagsüber auf die Pirsch geht, bevor er sie nachts zu verführen versucht. Bis sich bei einer „Ultimate Fighting“-Veranstaltung alles mit viel Radau (auf)löst und Brüno wieder zu sich selbst findet. Aber Vorsicht, diese so amüsante wie spannende Mischung aus Doku und Spielfilm ist absolut nicht jedermanns Sache. Zumal man nie so recht weiß, was ist nun fiktiv bzw. abgesprochen und was ist echt. Aber dem Film vorzuwerfen, dass er geschmacklos, vulgär und zynisch sei, trifft daneben. Wenn schon, trifft es auf die Leute zu, denen Brüno auf seinem wahnwitzigen Trip zur „Celebrity“ begegnet und die Cohen mit Hilfe von Regisseur Larry Charles gnadenlos vorführt: affige Modemenschen, finstere Nahost-Extremisten, geifernde Talkshow-Gäste, durchgeknallte Mütter, sendungsbesessene Pastoren, gewaltgeile Sportfans, beknackte Militaristen usw.. Zum Glück, oder gerade deswegen, ist der Film auch brüllend komisch. |
„John Rabe“ |
| „X-Men Origins: Wolverine“ Allein der Vorspann lohnt den Besuch. In einer furios montierten Sequenz hetzt Regisseur Gavin Hood seine Protagonisten, die Mutanten-Halbbrüder James (Hugh Jackman) und Victor (Liev Schreiber), durch die Schlachtenhöllen des amerikanischen Bürgerkriegs, der beiden Weltkriege und des Vietnamkriegs, wo die zwei stets an vorderster Front kämpfen, mit übermenschlichen Kräften ausgestattet und auch vom dichtesten Kugelhagel nicht totzukriegen. Doch bei einem Einsatz in Vietnam kommt es schließlich zum Eklat: Victors Mordlust nimmt überhand und ist selbst für die abgebrühten GIs nicht mehr tolerierbar. James versucht noch zu schlichten, mit dem Ergebnis, dass die Brüder vor einem Hinrichtungskommando landen. Das ihnen logischerweise nicht viel anhaben kann. Auf unbestimmte Zeit eingekerkert, erhalten sie Besuch von dem zwielichtigen Colonel Stryker (Danny Huston), der den beiden einen Job in seiner Söldnertruppe anbietet, allesamt Mutanten wie sie. James und Victor nehmen an, doch bei einer Aktion gegen einen nigerianischen Drogenbaron kann James seinen blutrünstigen Halbbruder erneut nur mit Mühe davon abhalten, harmlose Zivilisten zu ermorden. James hat daraufhin genug und steigt aus. Etliche Jahre später treffen wir ihn wieder, als Holzfäller in den kanadischen Rockies und liiert mit einer schönen Lehrerin (Lynn Collins). Aber die Idylle währt nicht lange: James, der sich nun Logan nennt, kann seiner Vergangenheit nicht entkommen. Stryker und dann auch Victor tauchen auf und setzen ihn solange unter Druck, bis er sich bereit erklärt, sich von Stryker bei einem waghalsigen Experiment zu einer unzerstörbaren menschlichen Waffe umformen zu lassen. Dass Stryker auch hierbei ein doppeltes Spiel betreibt, wird Logan, jetzt auf „Wolverine“ getauft, erst im letzten Augenblick klar. Auch wenn man die bislang drei „X-Men“-Filme nicht kennt, bietet dieser von Hugh Jackman koproduzierte Ableger, der Wolverines Vorgeschichte schildert, für Actionfans alles, was das Herz begehrt. „X-Men Origins: Wolverine“ ist ein grundsolider Actionfilm mit einem charismatischen Hauptdarsteller, von dem südafrikanischen Regisseur Gavin Hood, der 2006 für sein Gangsterdrama „Tsotsi“ den Oscar für den besten nicht- englischsprachigen Film gewann, bildgewaltig und mit überzeugenden Spezialeffekten kraftvoll inszeniert. Besonders gelungen sind ihm hierbei eine Hubschrauber-kontra-Motorrad-Verfolgungsjagd und Wolverines Flucht aus dem geheimen Labor der von Stryker angeführten Militärs. Aber auch für den ewigen Bruderzwist findet er immer wieder neue, spannende Konstellationen. Lediglich beim Showdown übertreibt er ein wenig, und dass der Film Wolverines dunklere Seiten ausspart, dürfte vermutlich Hugh Jackman zuzuschreiben sein, der sein Image als Hollywoods neuer Superstar nicht gefährden wollte. |
„Slumdog Millionär“ und Leonard Cohen: Live in London“ (DVD) |
Es gibt derzeit wohl keinen deutschen Filmregisseur, der produktiver wäre als Marcus H. Rosenmüller. Und wenn nicht alles täuscht, hat er nach seinem Überraschungserfolg „Wer früher stirbt, ist länger tot“ aus dem Jahr 2006 mit seinem neuesten Film, dem „Räuber Kneißl“, einen weiteren Kassenschlager gedreht. Die (historisch weitgehend verbürgte) Handlung des Films ist rasch erzählt: Ende des 19. Jahrhunderts führen die Kneißls in der abgelegenen Schachermühle im Dachauer Land ein recht wildes Leben. Als Wilderer und Diebe halten sie sich notdürftig über Wasser, immer wieder schlagen sie der Obrigkeit ein Schnippchen. Bis der Vater eines Tages auf der Flucht vor der Polizei ums Leben kommt, und Sohn Mathias kurz darauf unter dubiosen Umständen im Gefängnis landet. Wieder auf freiem Fuß, beschließt er, künftig ein ehrbares Leben zu führen. Zugleich träumt er davon, mit seiner großen Liebe Mathilde nach Amerika auszuwandern. Doch als „Zuchthäusler“ und auf Betreiben der Gendarmen, die ihn weiterhin als gefährlichen Verbrecher denunzieren, findet er nirgendwo feste Arbeit. In seiner Not lässt er sich mit einem Knastkumpan auf einen „todsicheren“ Raubzug ein: Bei einem reichen Bauern soll`s fette Beute geben. Mit dem Ergebnis, dass er bald schon fieberhaft von der Polizei gesucht wird.
Angelegt als bayerischer Western mit viel zeitgenössischem Lokalkolorit und noch mehr Action, gelang es Rosenmüller, nach einem Drehbuch von Karin Michalke und Christian Lerch, hierbei durchaus, dem legendären, am 21. Februar 1902 wegen Polizistenmords in Augsburg hingerichteten Räuber ein filmisches Denkmal zu setzen. Zumal er neben grandiosen Bildern mit wirklich starken Figuren beziehungsweise Schauspielerleistungen aufwarten kann. So überzeugen nicht nur Maximilian Brückner als Mathias und Brigitte Hobmeier als Mathilde, auch sämtliche Nebenrollen sind mit namhaften Akteuren wie Maria Furtwängler, Michael Fitz, Andreas Giebel oder Sigi Zimmerschied bestens besetzt.
Da ist es leicht zu verschmerzen, dass es manchmal etwas konfus und hektisch zugeht, leise, intime Momente nicht gerade die Stärke des Regisseurs sind. Schwerer wiegt hingegen, dass fast jede Szene mit Musik zugeschüttet wird; leider ein Trend, der sich immer mehr ausbreitet.
Einen Räuber Kneißl ähnlichen Outlaw spielt auch Daniel Auteuil in dem 2007 von Alain Corneau inszenierten Remake des Gangsterfilm-Klassikers „Der zweite Atem“, das hierzulande hoffentlich zumindest auf DVD herauskommt. Zählt das Original aus dem Jahr 1966 doch (für mich jedenfalls) zu den zehn besten Filmen aller Zeiten. Schon erhältlich ist dagegen ein ganz anderer, ebenfalls höchst sehenswerter Film mit Daniel Auteuil, die berührende Geschichte einer späten Männerfreundschaft unter der Regie von Altmeister Jean Becker. In „Dialog mit meinem Gärtner“ kehrt ein erfolgreicher Maler aus Paris in das in Südfrankreich gelegene Haus seiner verstorbenen Eltern zurück. Dort sucht er nach einem Gärtner, der sich um das Grundstück kümmern soll. Es meldet sich ein ehemaliger Schulkamerad und inzwischen pensionierter Eisenbahner, der die Gegend nie verlassen hat. Trotz aller Gegensätze haben sich die beiden viel zu sagen, und entdecken sich und die Welt in langen Dialogen neu. Ein Film, der uns lehrt, die Schönheiten des Lebens wieder mehr zu schätzen.
„Schmetterling und Taucherglocke”
„Locked-in-Syndrom“ heißt in der Medizinsprache der Zustand, wenn man bei vollem Bewusstsein vollkommen bewegungsunfähig ist. Und so findet sich auch Jean-Dominique Bauby wieder, Chefredakteur der französischen Zeitschrift „Elle“, als er 1995 mit Anfang 40 nach einem Schlaganfall aus dem Koma erwacht. Nur sein linkes Augenlid kann er noch kontrollieren und damit mit seiner Umwelt kommunizieren. Ein Blinzeln für „Ja“, zwei für „Nein“. So dass es ihm schließlich mit Unterstützung einer Logopädin und mithilfe einer Buchstabenreihe, die die Lettern nach ihrer Häufigkeit ordnet, gelingt, seine Memoiren zu diktieren. Nur wenige Tage nach dem Erscheinen des Buches, das zum Bestseller wird, stirbt Bauby. Nominiert für vier Oscars und in Cannes mit der „Goldenen Palme für die beste Regie“ ausgezeichnet, ist „Schmetterling und Taucherglocke“ der dritte Film des New Yorker Künstlers Julian Schnabel. Eine ungemein berührende Tragikomödie, bei der es eine Dreiviertelstunde lang dauert, bis wir einen Blick auf Bauby, beeindruckend authentisch verkörpert von Mathieu Amalric, werfen dürfen. Bis dahin sehen wir die Welt durch Baubys unversehrt gebliebenes Auge, haben wir teil an seinen Phantasien und Erinnerungen. Können wir sein Eingesperrtsein in der Taucherglocke nachempfinden, aber auch seine Schwerelosigkeit vergleichbar der eines Schmetterlings. Wobei sich niemals Wehleidigkeit einstellt und Bauby sein Schicksal mit Selbstironie und sogar Humor trägt. Ein so ungewöhnlicher wie herausragender Film, von Julian Schnabel nach einem Drehbuch von Ronald Harwood feinfühlig und kurzweilig inszeniert. Unbedingt anschauen. Das Buch dazu ist bei dtv erhältlich.