Der Rebell aus Altötting

Lesung mit Andreas Altmann bei der Steiner Literatur- und Medienwoche – Fulminanter Auftritt

Über sein 2011 erschienenes Buch „Das Scheißleben meines Vaters, das Scheißleben meiner Mutter und meine eigene Scheißjugend“ schrieb die „Zeit“: „Das Buch ist das Beste und Böseste, was seit Thomas Bernhards ‚Auslöschung’ (…) zu lesen war über die Abgründe des Menschseins.“

Jetzt war der 1949 geborene Reiseautor, Schriftsteller und Reporter Andreas Altmann zu Gast bei der 13. Steiner Literatur- und Medienwoche, wo er sich eingangs bei der Schulleitung für den Mut bedankte, ihn einzuladen. Aber auch sonst fiel sein geradezu furioser Auftritt aus dem Rahmen einer üblichen Lesung. Wortgewaltig, mit großer Präsenz und ohne Scheu vor drastischem Ausdrücken konfrontierte er die Zuhörer gleich mit einer Verzweiflungstat seiner Mutter, die ihn kurz nach der Geburt fast das Leben gekostet hätte.

Nächstes Thema, sein Vater, der im Zentrum des oben erwähnten Buches steht, ein gut aussehender, gebildeter Mann, aber auch ein überzeugter Nazi, der als psychisches Wrack, als „Zombie“, aus dem Krieg heimkehrt und in Altötting, dieser „Oase bigotter Inzucht“ als Devotionalienhändler Karriere macht und zum geisteskranken Despoten mutiert, der seine Familie derart tyrannisiert, dass sich die Mutter, eine schwache, hilflose Frau, im Haus eine Art Bunker baut, um sich zu schützen.    

Eine harte, brutale und eigentlich unglaubliche Geschichte, bei der aber absolut nichts übertrieben sei, wie Altmann betonte, denn davon hätte ja niemand etwas gehabt. Zumal ihm Faktentreue auch deswegen wichtig gewesen sei, um dem Verlag eventuelle Klagen von namentlich genannten Personen zu ersparen.

Er selbst flüchtete im Alter von 17 Jahren aus diesem Haus des Schreckens, brauchte aber fast zwanzig Jahre lang therapeutische Hilfe, um diese Kindheit und Jugend zu verarbeiten. Eine Zeit, in der er viel ausprobierte, unter anderem ein Schauspielstudium absolvierte und in vielen unterschiedlichen Jobs tätig war, unter anderem als Buchclubvertreter, Nachtportier und Parkwächter. Zwischendurch machte er Erfahrungen in einem indischen Ashram und verbrachte acht Monate in einem buddhistischen Zen-Kloster in Kyoto, bevor er mit 40 seine Bestimmung fand: das Reisen und das Schreiben darüber.

Seine ersten Reisereportagen erschienen im „Geo“-Magazin, rasch meldeten auch andere renommierte Zeitschriften Interesse an. Für eine bewegende Äthiopien-Geschichte erhielt er den Egon-Erwin-Kisch-Preis heute gilt er als einer der besten Reisereporter Deutschlands.

Auf Anregung seines Verlegers entstand dabei auch seine „Gebrauchsanweisung für die Welt“, über die die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung urteilte: „Altmann ist ein mitreißender Autor (…). Sein Buch ist ein Appell, aufzubrechen und eigene Abenteuer zu erleben, ein hinreißendes Plädoyer für Freundlichkeit, Neugierde, Achtsamkeit, Chuzpe, Herzensbildung und Eleganz.“

Entsprechend packend und emotional berührend klang dann, was Altmann im zweiten Teil seiner Lesung von der Welt zu erzählen hatte. Etwa vom „magischen Moment“ einer Begegnung mit dem siebenjährigen Marouf, der im kriegsgebeutelten Afghanistan mithelfen muss, seine vielköpfige Familie zu ernähren. Zum Abendessen eingeladen, verspätet sich der Reporter, weil der (ängstliche) Taxifahrer sich weigert, ihn bis zur angegebenen Adresse zu bringen. Mit einer Kerze in der Hand auf dem Reststück eines zerstörten Balkons stehend, hält der Junge nach ihm Ausschau, ein Anblick, der Altmann rührt: „begnadet inszeniert vom Krieg, von der Armut (…) Wie ein Stern mitten auf dunklem Himmel.“

Eine ungewöhnliche und sehr beeindruckende Lesung, die sichtlich positiv aufgenommen wurde.

Traunsteiner Tagblatt, 01.03.2014                                                                    Wolfgang Schweiger