„Heilige Nacht“ auf Schloss Amerang

Lesung mit Günther Maria Halmer & Martina Eisenreich Quartett

 

   Folgt man den Erinnerungen des Volksschauspielers Bertl Schultes, so war Ludwig Thoma mit einem Jäger zur Adventszeit in den Tegernseer Bergen unterwegs, als ihn der Jäger vor sich hinsagen hörte: „Im Wald is so staad. Alle Weg san vawaht. Alle Weg san verschniebn. Is koa Steigl net bliebn“. Die Geburtsstunde der Dichtung von der „Heiligen Nacht …“ Nach dreimonatiger Arbeit war das Werk dann im März 1916 vollendet und zählt seitdem zu den beliebtesten Vorlesestoffen in der Vorweihnachtszeit. 

   Entsprechend bis auf den allerletzten Platz besetzt war der Innenhof von Schloss Amerang, als der bekannte Schauspieler Günther Maria Halmer die Geschichte von der „Heiligen Nacht“ wiedergab, begleitet vom Martina Eisenreich Quartett. Eine Premiere übrigens, doch Halmer gelang es auf Anhieb, sich in der Sprache Thomas einzurichten und die in bairischer Mundart und gereimten Strophen verfasste Nacherzählung der biblischen Weihnachtsgeschichte dem Publikum ans Herz zu legen.  

   Urtümlich, direkt und doch einfühlsam verwandelte der gebürtige Rosenheimer den Text dabei in ein dicht atmosphärisches Hörspiel, mit zugespitzten Dialogen und überaus lebendigen Beschreibungen des legendären Geschehens. Er ließ uns auf ganz eigene Weise teilhaben an der Herbergssuche von Maria und Josef im verschneiten Bethlehem, an ihren Begegnungen mit ebenso reichen wie herzlosen Menschen, aber auch mit zwar armen, dafür jedoch freundlichen, hilfsbereiten Zeitgenossen. Und lieferte nebenbei einen Beweis für die schlichte Schönheit der bairischen Sprache.

   Musikalisch umrahmt wurde die Lesung von der Geigerin und Komponistin Martina Eisenreich, die in perfektem Zusammenspiel mit Wolfgang Lohmeier (Perkussion), Christoph Müller (Gitarre) und Stephan Glaubitz (Kontrabass) brillierte, gefühlsauthentisch und von herzerwärmend berührender Qualität. Einfach grandios, wie das Quartett nach einem virtuosen Intro den Spannungsbogen der Erzählung mit teils minimalistischen Klangbildern intensivierte, bevor es mit einer wunderschön verträumten, hingebungsvollen Interpretation von „Stille Nacht, heilige Nacht“ den Abend ausklingen ließ.

 

Traunsteiner Tagblatt, 13.12.2012                Wolfgang Schweiger