Anatomie eines Mordfalls

„Tannöd“: Szenische Lesung mit Musik in der Traunsteiner Kulturfabrik NUTS

 

   Der Kriminalfall Hinterkaifeck, dieser sechsfache Mord auf einem Einödhof in den 1920er Jahren, ist bis heute geheimnisumwittert. Nicht nur, dass der ungewöhnlich grausame Fall nie aufgeklärt wurde, auch die höchst seltsame Tatsache, dass sich der oder die Täter nach dem Mord noch tagelang auf dem Hof aufgehalten haben, dort in aller Ruhe gespeist und auch das Vieh versorgt haben, erregte die Gemüter. Und inspirierte vor wenigen Jahren die Regensburger Autorin Andrea Maria Schenkel zu ihrem Krimi „Tannöd“, für den sie zahlreiche Preise erhielt und der gegenwärtig auch verfilmt wird.  

   Das Münchner Schauspieler-Ehepaar Johanna Bittenbinder und Heinz-Josef Braun (beide bekannt aus zahlreichen Fernseh- und Theaterproduktionen sowie den Filmen „Wer früher stirbt, ist länger tot“ und „Beste Zeit“) hat nun in der Traunsteiner Kulturfabrik NUTS eine ganz eigene Version des Romans vorgestellt. Als szenische Lesung, verknüpft mit musikalischen Einlagen, komponiert von Christian Ludwig Mayer (Akkordeon, Gitarre, Trompete) und aufgespielt von der Formation „Art Ensemble of Passau“, der neben Mayer an diesem Abend noch Leo Gmelch (Tuba, Posaune), Peter Tuscher (Trompete) und Dim Schlichter (Percussion) angehörten.

   Bereits nach den ersten lakonischen Sätzen, erzählt aus der Sicht des Mörders (hier weicht Andrea Maria Schenkel von den Fakten ab und präsentiert mit einem Nachbarn der Opfer auch den Täter samt Motiv), sind wir mittendrin im Geschehen, konfrontiert mit der Kaltblütigkeit eines Mannes, der nach seiner schrecklichen Mordtat offensichtlich ungerührt oben beschriebenen Alltagsverrichtungen nachgeht. Das packt auch denjenigen, der den Roman schon kennt, schafft die adäquate Atmosphäre für das  nachfolgende Drama, das nun stückweise vor dem Publikum ausgebreitet wird.   

   Knapp zwanzig Personen kommen außer dem Mörder noch zu Wort: die Opfer, eine Handvoll Nachbarn und Bekannte der ausgelöschten Bauersfamilie, eine Pfarrköchin, ein Monteur, ein Briefträger sowie ein Dieb, der indirekt Zeuge der mörderischen Vorgänge wird. Von Johanna Bittenbinder und Heinz-Josef Braun so lebensecht wie individuell ausgeprägt verkörpert, dass man meinen konnte, die Charaktere säßen mit einem am Tisch. Einfach großartig und lange nachwirkend. Ebenso das „Art Ensemble of Passau“, das mit seiner herrlich schrägen Mischung aus Fetzen von Tanzbodenmusik, Trauermärschen und diversen Geräuschkulissen die schaurige Mär kongenial ergänzte.   

   Das Publikum im ausverkauften NUTS dankte mit intensivem, lange anhaltendem Applaus.

 

Traunsteiner Tagblatt, 07.05.2009                                                                    Wolfgang Schweiger